Rundum eine verwirrende Geschichte
mit 23 Gewinnchancen.

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So beginnt die Geschichte, geschrieben vom Zufall mit vielen Unbekannten:
Am späten Abend des 18. Mai 1970 steht Lorenz Kleiber am Ufer der Glatt, die im Süden das Gewerbeareal der Firma Givaudan in Dübendorf abschliesst. Er wirft eine Flaschenpost in den Flusslauf. Die Bierbügelflasche hat er zusätzlich mit einem Eishockey-Isolierband verschlossen, damit kein Wasser eindringt. Er sieht ihr noch eine kurze Zeit nach, bis sie in der nächsten Biegung verschwindet.
1. Fortsetzung
Dann macht er sich auf den Heimweg. Gedankenverloren geht er am Ufer der Glatt entlang Richtung Stettbach, wo er in einer kleinen Erdgeschoss-Wohnung lebt. Er denkt an den Weg des Fläschchens - wann wird es durch Schwamendingen schaukeln? Wann lässt es Opfikon hinter sich? Oder hat es schon jemand aus dem Bach gefischt? Nein - wahrscheinlich kommt es unbeachtet als üblicher Müll am Flughafen vorbei, um mit eleganten Schwüngen Niederglatt zu passieren. Hinter Höri wir sich die Flaschenpost über Hoch- und Glattfelden dem ersten grossen Kapitel seiner Reise nähern: nach einer langen Tunneldurchquerung wird das Fläschchen in den riesigen Rhein gespült. Lorenz bleibt stehen und schaut ins Glitzern des Wassers, in dem sich die am Himmel ziehenden Wolken spiegeln. Der Rhein - früher träumte er mal Käpt’n auf einem grossen Frachter zu werden und in Rotterdam das Meer zu riechen. Genau dorthin sollte auch seine zusammengerollte Botschaft gelangen, um sein eigenwilliges Abenteuer fortzusetzen.
2. Fortsetzung
Für eine Flaschenpost gibt es keinen A- oder B-Tarif und man weiss nicht, wann und wo – wenn überhaupt – sie ankommt. Vielleicht überquert sie zur Zeit den Atlantik, ist im Rachen eines Blauwals gelandet, vielleicht ist sie aber auch zwischen Stettbach und Rotterdam irgendwo hängen geblieben oder rausgefischt und entsorgt worden.
 
«Letters are written, never meaning to send» ist eine Songzeile aus dem berühmten Hit «Nights in White Satin» von den Moody Blues. Aber wer kennt das heute noch? Umgekehrt ist es bei Lorenz. Er hofft, dass seine Message bei seinem Idol Mr. Armstrong ankommt und gelesen wird. Und tatsächlich, die Bügelflasche hat die weite Reise über den Teich geschafft , wurde vom Golfstrom erfasst und an die Ostküste von Kanada geschwemmt, wo sie im Herbst 2016, im Schleppnetz eines Berufsfischers landete. Als dieser das Netz leerte, störte ihn der viele Unrat, den er neben den Fischen im engmaschigen Netz fand. 
 
«Wow – eine Flaschenpost», schrie Jordan der Schiffsjunge und schnappte sich die Flasche. «Das ist mein Boot und daher auch meine Flasche, gib sie mir sofort», schimpfte Billy der Boss. Doch Jordan dachte nicht daran. Das war seine Flasche und vielleicht ist ja darin eine Schatzkarte. Innert Kürze gab es auf dem engen Kutter ein Gerangel in dessen Verlauf das Fundstück mehrmals den Besitzer wechselte. Schlussendlich landete das Objekt der Begierde bei Joseph, als dieser über ein Schiffstau stolperte und die Flasche im hohen Bogen ...
 
3. Fortsetzung
... fliegt im hohen Bogen Richtung Steuerhäuschen, durchbricht die Scheibe und landet am Kopf des Steuermanns. Dieser bricht zusammen und bleibt für ca. 20 Sekunden benommen liegen. Als er wieder zu sich kommt, ballt er mit blutüberströmtem Gesicht die linke Faust Richtung Himmel und schreit: «Luken schliessen. Alle Mann an die Kanonen. Feuer frei. Wir entern die Fregatte!» Weit und breit ist jedoch kein anderes Boot, geschweige denn eine Fregatte, zu sehen. 
Der Fischkutter kommt heute etwas später an Land zurück. An Bord ca. 700 Kilogramm Sardinen, fünf Flundern, eine geheimnisvolle Flasche mit einem Zettel drin und ein Steuermann mit einem behelfsmässigen, blutgetränkten Kopfverband und der Meinung, er sei zumindest Lord Nelson, der soeben eine äusserst gefährliche Seeschlacht gewonnen hat. Der Steuermann hat öfters so kleine Aussetzer. Das letzte Mal, vor ca. einem halben Jahr, als er mit der Harpune einen kleinen Schwertfisch traf, meinte er sei Kapitän *Ahab zu sein.
Die Ladung wird gelöscht, der Steuermann seinem Bruder, einem Hafenarbeiter übergeben, mit dem Ratschlag, ihn ärztlich untersuchen zu lassen und die Bügelflasche landet im Seesack des Kapitäns. Bill begibt sich in die Kneipe, um diese ungeheuerliche Geschichte mit viel Seemannsgarn den andern Fischern zu erzählen. 
Die sechs Männer schauen gebannt auf die komische Flasche, die der Kapitän aus dem Seesack nimmt und mitten auf den Tisch stellt. «Hier ist das Corpus Delicti, das meinen Steuermann matt gesetzt hat.» «Lasst uns die Flasche öffnen, vielleicht birgt sie eine Schatzkarte oder ein Passagier hat sie kurz vor dem Untergang über die Reling der Titanic geworfen», ....
 
* Kapitän Ahab ist ein Walfänger, der sich mit Moby-Dick (einem grossen weissen Walfisch) einen Kampf um Leben und Tod liefert. Ein Stück Weltliteratur von Herman Melville 1851.

… Mit ihren klobigen, von den Fischernetzen strapazierten Fingern versuchten sie den Flaschenhals vom Isolierband zu befreien, was jedoch nicht gelingt. Da, auf einmal der Schatten der Kellnerin, die sich der Flasche behändigt und diese über die Tischkante schlägt. «So macht man das, meine Herren», und keiner wagt ihr zu widersprechen, denn schon oft hatte Lou, so der Name der Kellnerin, den Einen oder Anderen vor die Tür gestellt oder mit der Faust auf den Tisch geschlagen, so, dass das ganze Mobiliar in der Kneipe zitterte.
Da lag sie nun die Flasche, respektive was von ihr übrig war, in tausend Splittern auf dem Fussboden und mittendrin ein aufgerollter Zettel. Knut, ein dänischer Gastarbeiter, hebt den Zettel auf, legt ihn ganz sorgfältig auf den Tisch und entrollt ihn. So ruhig war es schon lange nicht mehr in diesem Lokal. Alle, nicht nur die sechs Seemänner, schauen gebannt auf den Papierbogen. 
Bill, seiner Meinung nach immer noch der rechtmässige Besitzer der Flasche, nimmt den Zettel, setzt seine Brille auf und posiert sich am Tisch wie ein Pfarrer auf der Kanzel. Er hält inne, schaut in die Runde – alle Augen sind auf ihn gerichtet. Diese Situation liebt er. 
«Verdammt, das ist auf französisch» widerfährt es ihm, «kann das jemand lesen?» Claude, ein Frankokanadier, der sonst eher gar nichts sagt, meldet sich. Bill gibt ihm den Zettel.
Cher M. Armstrong. Ceci n’est pas une bouteille à la mer. René Magritte, stand da in fast perfekter Schüler-Schnürlischrift. Unten rechts war noch ein verschmierter Stempel sichtbar, dem jedoch niemand Beachtung schenkte.
Grosses Staunen, keiner versteht den Text. Claude übersetzt: Dear Mr. Armstrong. This is not a message in a bottle, und für unsere Leser: Sehr geehrter Herr Armstrong. Das ist keine Flaschenpost. 
«Was denn sonst», fragt Bill mit übertrieben lauter Stimme «und wer ist dieser verdammte Mr. Armstrong?» 
Etwas verärgert spült sich Bill noch mit einem Single Malt Whiskey den Frust runter, packt den Zettel in seine Brusttasche und verlässt die Kneipe. 
4. Fortsetzung
Billi kann mit dieser Post überhaupt nichts anfangen. Er ist enttäuscht, dass es nicht eine Schatzkarte ist (er hat früher viele Piratengeschichten gelesen!) oder ein Hilferuf eines, auf einer einsamen Insel gestrandeten Seebrüchigen, dem er jetzt hätte helfen können. Vielleicht wäre er dann noch berühmt oder zumindest belohnt worden. Er sieht sich schon als Held und liest in Gedanken die Schlagzeile der Tageszeitung: BILL RETTET ROBINSON!

War da wirklich nicht mehr drin als dieser Zettel mit dem französischen Text? Ist da nicht beim Aufwischen der Scherben etwas verloren gegangen? Die eher rabiate Lou, die Wirtin der Kneippe mit dem passenden Namen Orkanpinte, konnte man nicht fragen, ohne das Risiko einzugehen, rabiat aus dem Lokal geworfen zu werden. Die anderen Seemänner am Tisch wussten auch nicht mehr, ausser, dass sich einer noch am Flaschenboden geschnitten hat und beim Dorfarzt, der gleichzeitig auch Veterinär ist, den Steuermann mit einer ziemlich happigen Scharte am Kopf getroffen hat. Als beide notdürftig verarztet sind, müssen sie ihre Wunden noch mit viel Alkohol von innen her desinfizieren, was früher oder später zum Streit führt – es geht nimmer um die gleiche Geschichte von Marie, die weder vom Einten noch von Anderen etwas wissen wollte und inzwischen mit einem Lehrer verheiratet ist – und beide nochmals beim Arzt landen.

Fast wie früher in der Schweiz, treffen sich am Sonntag Morgen die Frauen in der Kirche und die Männer in der Kneipe. Warum heute Bill mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter die Messe besucht, ist nicht klar.
Der Pastor lässt es ich jedoch nicht nehmen, die Anwesenheit Bills in der Predigt zu erwähnen und er versucht einen Zusammenhang zwischen Bill als Fischer und Jesus als Menschenfischer zu konstruieren. Nun, dieser Versuch stinkt eher nach Fisch als nach Religion ...
Nach der Messe geht er auf Bill zu und erkundigt sich nach der ominösen Flasche. Obwohl die Geschichte für Bill schon lange erledigt ist, hängt der Zettel mit der Aufschrift «ceci n’est pas une bouteille à la mer» immer noch mit einem Reisnagel befestigt an seiner Kellertür und die Leute im Dorf reden davon.
Noch am selben Nachmittag klopft der Pastor an, um sich den Zettel genauer anzuschauen. «Das ist ein Magritte!» verkündet er stolz. Magritte sei ein bedeutender europäischer Maler des Surrealismus.
Weder Surrealismus noch Magritte sind jedoch für Bill ein Begriff. Er möchte viel eher wissen, wer der Adressat sein könnte. Jedoch in Kanada, in den Vereinigenten Staaten und in den englisch sprechenden Ländern des Commonwealth gibt es ca. 800'000 Armstrongs, wenn nicht mehr. Wie soll da Bill herausfinden, wer wirklich gemeint ist?
Der Pastor fragt, ob er sich den Zettel ausleihen dürfte – er kenne da jemand in Halifax, ein studierter Kunsthistoriker, der vielleicht etwas Licht ins Dunkel bringen könne. «¨
Und wenn er auch noch den richtigen Armstrong kennt, dann verstehe er wirklich etwas von der Kunst ..., meint Bill, als er dem Herr Pfarrer den Papierbogen aushändigt.

Damit wäre der ominöse Zettel jetzt in den Händen des Pastors, doch ...



 

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Fortsetzungen von anderen Teilnehmern:

Lucy schrieb:
Der Herr Pastor hat jedoch nicht nur eine heilige sondern auch eine scheinheilige Seite und ist dem Alkohol nicht abgeneigt. Man sagt, dass keiner im Distrikt soviel Messwein segnet wie er, obwohl seine Kirchgemeinde eher zu den kleineren gehört.
So macht er auch heute noch die kleine Schlinge, das heisst, ergeht nicht direkt ins Pfarrhaus zurück sondern schaut noch kurz (oder etwas länger) bei Lou vorbei. Offiziell, um seine Schäfchen, die die Kirche nicht besuchten, nach alt christlicher Manier zu zählen. Nun, wie erwartet, waren es eher die Schafsböcke die den Stall von Lou an diesem Sonntag heimsuchten.
Der Pfarrer liess es sich nicht nehmen, nach zwei/drei Portos seinen Fang – das ominöse Zettelchen – seinen Alkoholgenossen zu zeigen und damit zu prahlen, dass ein guter, sehr gute Freund, ein richtiger Kulturhistoriker, der Sache nun auf den Grund gehen würde und den kulturellen Wert des Dokuments zu bescheinigen. 
Er fragte nochmals nach der Flasche, respektive nach möglichen Scherben. Die letzte echte Scherbe, nämlich der Flaschenboden, sei in der Hand von Louis stecken geblieben und sei dann vom Arzt mit viel Alkohol desinfiziert worden, scherzten die Seeleute.
Um 4 Uhr Nachmittags, wiederum 3 bis 4 Portos später, torkelte der Herr Pfarrer Richtung seines Pfarrhauses, in seiner Mappe gut verstaut, die Flaschenpost, die laut inhaltlichem Text eben keine war.

Damit wäre diese kurze Geschichte eigentlich schon beendet, wenn nicht...